Wir sind klein, doch sind wir Opel
Der Versuch, ein (chauvinistisches) Wir-Gefühl in Zeiten der Finanzkrise heraufzubeschwören, muss zwangsläufig scheitern.
Ich hab den Chefkommentar aus „Österreich“ herausgerissen und kann nun nirgends ein Erscheinungsdatum finden. Es wäre identisch mit einem Erleuchtungsdatum gewesen, denn die plötzliche Einsicht in die Jämmerlichkeit dessen, was sich österreichischer Journalismus nennt, empfand ich als eine Art profaner Erleuchtung. Jedenfalls war es im Mai dieses Jahres, als Wolfgang Fellner in seinem Kommentar „Das sagt Österreich“ folgendes notierte:
Die Krise und die Angst
Medien erzählen uns unaufhörlich, wo neue Gefahren ausgebrochen sind. Aktuell sehen wir das bei der befürchteten Pandemie, die ihren Ausgang in der mexikanischen Schweinegrippe genommen hat. Doch warum haben wir überhaupt Angst? Und warum vergessen wir auch manchmal, dass wir Angst haben?
Gegen den Wolf gedichtet
Das Ostgesindel, ohne Frage
ist unsrer Städte große Plage.
Ob sie nun Bettler, Räuber, Diebe,
ob frech im "Augustin"-Vertriebe -
es stellen gegen sie sich blind
Politiker, die ratlos sind
und volksverachtend, kaum verhehlt.
Kein Wunder, wenn man Strache wählt.
Allen Menschen, die die Sonntags-Krone fladerten, die diesen Kampfreim enthielt, bot der Augustin die Gelegenheit, ihre Wut zu sublimieren: rund 200 Freundinnen und Freunde des Augustin wurden per Mail um Gegengedichte gebeten. Schon in der nächsten Stunde lagen mehr als zehn Texte in der Mailbox. Wir freuen uns über weitere ...
Geld für die Bettlerin, Äpfel für die Redaktion!
Versuch einer Antwort auf einen Leserbrief
Liebes Augustin-Team!
Ich schreibe Euch, weil ich mir denke dass ich bei Euch vielleicht eine Antwort auf eine Frage finden könnte, die mich seit ein paar Monaten verwirrt (oder zumindest einen Hinweis, wo ich eine Antwort finden könnte):
Ich habe sehr oft kein Bargeld eingesteckt. Wenn ich dann Menschen sehe, die sich ihren Lebensunterhalt erbetteln müssen kam mir daher schon ein paarmal die Idee, beim Nahrungsmittel einkaufen zum Beispiel einen Leib geschnittenes Brot und etwas Wurst oder Käse oder ein paar Äpfel mehr einzukaufen und ihnen das dann zu geben. Die Reaktion ist meist eine für mich unerklärbare, ich scheine den Betreffenden keine Freude damit zu machen. Wieso?
Mit verwunderten Grüßen
Veronika Brandl
Lieber Herr Chefredakteur Richard Schmitt!
Betriff:: Kommentar in der Gratiszeitung "HEUTE" vom 2. Jänner 2009
Selbst wenn Ihnen die Schlagzeile
Wien muss Athen werden" oder ein feuilletonistischer Beitrag des „Einbrecherkönigs“ E. W. St. in der Weihnachts- und Neujahrsausgabe des Augustin aufgefallen ist, wollen wir Ihnen nicht abnehmen, dass Sie ein eifriger Leser unseres Blattes waren. Ihr Urteil, die sympathische Zeit des Augustin sei vorbei, die Straßenzeitung habe sich nun „ein bisserl viel geändert“, und zwar in Richtung „Steinzeitkommunismus“, Gotteslästerung und Pushen von Kriminellen (diese drei Tendenzen werfen Sie in Ihrer Kolumne vom 2. Jänner 2009 dem Augustin vor), outet Sie geradezu als Augustin-Muffel. Wenn Sie das nicht wären, könnten sie den langen Atem der Unbotmäßigkeit wahrnehmen, die die Blattlinie prägt, beziehungsweise die Kontinuität unserer radikalen Gesellschaftskritik, dessen materielle Basis die absolute Unabhängigkeit von Bund, Stadt, Parteien und Kirchen ist; bekanntlich hat der Augustin noch nie einen Cent Subvention kassiert.
Nestroyhof: Interview mit Erica Lindenstraus
Erica Lindenstraus ist eine Enkelin Anna Steins, die bis 1940 Besitzerin des Nestroyhofs war. Durch Arisierung kam die
Industriellenfamilie Polsterer in Besitz des Gebäudes in der Praterstraße 34. Ein Rückstellungsverfahren an die Kinder Anna Steins konnten die Polsterers 1951 durch einen fragwürdigen Vergleich abwenden. In einem Exklusivinterview für den Augustin am 3. Jänner 2008 in New York sprach Erica Lindenstraus über ihre Großmutter, ihre Familie, Flucht und Exil, und was ihrer Meinung nach mit dem Nestroyhof passieren soll. Lesen Sie hier den Volltext des Interviews zum Artikel im Augustin Nr. 224!
Kampf dem Qualitätsjournalismus
Rauschers "Wir" und Szemelikers "Alle"
Wenn ich an Samstagen den „Standard“ aus einer öffentliche Tasche fladere, und wenn ich dann auch noch Zeit habe, ihn durchzulesen, durchzuckt mich jedes Mal ein wie von Karl Kraus gesandter Imperativ: Kontrolliert die MeinungsmacherInnen! An Ideen dazu mangelt´s ja nicht: wir könnten diesen Blog als Raum für
Medienbeobachtung und für die Auseinandersetzung mit den alltäglichen Lügen der Medien nutzen; wir könnten eine ständige Rubrik im Augustin einrichten etc.
Bartenstein verdoppelt Arbeitszeit
Ich hab mal in einer Tageszeitung gearbeitet. In der Wiener Lokalredaktion. Die war nicht so hoch bewertet wie die innenpolitische oder außenpolitische Abteilung des Blattes. Deshalb hatte unsere Abteilung einen frühen Redaktionsschluss. Was nach 16 Uhr in Wien geschah, konnte also in der Zeitung des nächsten Tages nicht mehr widergespiegelt werden, es sei denn, die Angelegenheit wurde zur „innenpolitischen“ geadelt. Der frühe Redaktionsschluss war hart, denn wir Lokalschreiberlinge kamen oft erst – nach Pressekonferenzen, Interviews oder Recherchen – um 13 Uhr oder noch später in die Redaktion. Die Texte waren darum oft gehudelt und entsprechend unfertig. Nie wieder den Stress eines Tageszeitungsjournalisten! So schwor ich, und der Augustin entstand, und er war zunächst eine Monatszeitung, und der Stress war ein verträglicher.
In einer Weltstadt ist es wurscht, ob man sich anpasst oder nicht
Die kronenzeitungsförmigen Instanzen der Volkspädagogik belehren uns, dass der Unwille von Minderheits-Vertetern, sich an die Mehrheitsgesellschaften anzupassen, zu den größten Sünden zähle. Muslime, die unter ihresgleichen bleiben, und die sprichwörtliche türkische (kinderreiche) Gastarbeitergattin, die seit 20 Jahren in Wien lebe und kein deutsches Wort kenne, sind bekannte Klischees, die die Xenophopie der Gesellschaft teils widerspiegeln, teils reproduzieren.
Wer drin ist, stellt nix an
"Resozialisierung" ist kein Ziel der Kriminal- und Justizpolitik mehr
Wer drinnen ist, kann draußen nichts anstellen. Das scheint die Devise der Kriminalpolitik vieler westlicher Länder, darunter leider auch Österreich zu sein. Dabei weiß jede/r, dass die Gefängnisse die Universitäten der Kriminalität sind. Der Sicherheits-Kult überdeckt alles. „Sehr kurzsichtig! Die Häftlinge, die früher in den Genuss von vorzeitigen Entlassungen oder diversen anderen Vollzugsockerungen gekommen wären, „gehen irgendwann ja doch raus. Dann aber unter weitaus schlechteren Voraussetzungen. Damit wird die Rückfallquote extrem erhöht, mehr Taten in Kauf genommen. Man heizt so die Kriminalität gewaltig an“, so klar sah es ein Gefangener aus Stein in einem seiner Beiträge für den Augustin (Briefe aus Stein, Ausgaben Nr, 203 und 204).
„Die Strasse“ als Metapher und der Augustin als ihr Medium
Achse, Damm, Fahrbahn, Fahrdamm, Fahrspur, Fahrstraße, Fahrstraße, Fahrweg, Fernverkehrsstraße, Hauptstraße, Landstraße, Straßendamm, Allee, Avenue, Boulevard, Gasse, Weg, Durchfahrt, Durchlass, Meerenge, Zubringer, Chaussee, Gasse, Verkehrsweg. Solche Begriffe bietet mir ein Internetservice für deutschen Wortschatz an, wenn ich nach Synonymen für Straße suche. Vielleicht gibt es ein klügeres Synonym-Service im Netz. Eines, das registriert hat, dass Straße als Metapher für marginalisierte soziale Gruppen stehen kann.
Über die Marketingkompetenz des Augustin
Nachdem in den rund 200 Vorstandssitzungen, die es in der bald zwölfjährigen Geschichte des Augustin gegeben hat, noch nie das Wort Marketing gefallen ist, blieb uns nichts anderes über als zu googeln und zu wikipedeln, denn wir wollten ja wissen, worum es bei Marketing überhaupt geht – wenn wir nun schon einmal zu einem Marketing-Tag eingeladen sind. So begann der Beitrag der Augustin-Sprecherin beim 2. Österreichischen Marketing 2007.
Der Blog als das Raunen und Rauschen, das den Augustin-Journalismus begleitet
Zur Wiedergabe des Gesprächs, das wir am 18. März mit Udo Fischer, dem Pfarrer von Paudorf, führten, und für eine ausreichende Menge an Hintergrundinformationen zur Legitimationskrise, in die Teile der österreichischen Kirchenführung stürzten, hätten wir eine halbe Augustinausgabe benötigt. Die Folge wäre aber vielleicht eine Legitimationskrise des Augustin gewesen. Denn vom Augustin erwarten sich dessen LeserInnen in der Regel nicht, dass er sich die Köpfe einer rapid an gesellschaftlichem Einfluss verlierenden religiösen Gemeinschaft zerbricht.