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Augustin ABC

Alkohol

„Die Straße verträgt viel Alkohol“: Titel eines Prosatextes von Augustinverkäufer Werner Steinermann. „Der Alkohol ist bei uns Obdachlosen allgegenwärtig“, heißt es im Text. „Versuch doch einmal, die Leute um Geld anzubetteln oder zu schnorren, wie das in der Fachsprache der Sandler heißt. Du musst zumindest angeheitert sein, um diese Erniedrigung zu ertragen...“ Viele andere Straßenmenschen spielen den Faktor Suff herunter, sind „nicht krankheitseinsichtig“, wie es in der Sprache der Therapeuten heißt. Sie versuchen aller Welt zu demonstrieren, dass sie den Entzug geschafft hätten. Oft durchschaut das Gegenüber diese Verstellung, denn es ist ja bekannt: Vom Alkohol kommen nur die wenigsten Süchtigen weg. Die meisten Betroffenen registrieren nicht oder wollen nicht registrieren, wie sich Körper und Psyche verändern. Selbstbetrug ist Trinker-Usance.


AMS

Nach seiner bisher letzten Haft wurde Herr St. vom AMS zum „Job Coaching für über 50-Jährige“ geschickt. Nichterscheinen hätte die Streichung der Notstandshilfe bedeutet. Als 67-jähriger Ex-Krimineller, der einen großen Teil seines Erwachsenenlebens hinter Gittern verbrachte, ist ihm der reguläre Arbeitsmarkt fast so versperrt wie einer Frau der Papststuhl. Eines Tages wurde, offensichtlich in pädagogischer Absicht, das Thema „Meine größten Erfolge! Was hat sie ermöglicht?“ behandelt. „Mit etwa 23 Jahren fand ich hinter einer von mir aufgebrochenen Türe in einem offen stehenden Tresor 64.800 Schilling“, antwortete der Kursteilnehmer. Leute wie Herrn St. nicht in Ruhe zu lassen, sondern in Zwangskurse zu schicken, obwohl die Nichtvermittelbarkeit in den „ersten“ Arbeitsmarkt in diesem konkreten Fall evident ist, macht nur für jene Sinn, die die Verfälschung der Arbeitslosenstatistik für sinnvoll halten. Das AMS, vom Prinzip her eine Selbstorganisation der Arbeitslosen, hat sich in ein Amt zur Kontrolle und zur Demütigung der Arbeitslosen verwandelt – und bekommt demnach im Augustin fast regelmäßig sein Fett ab.

Auflage

Augustin wächst schneller als die Wirtschaft. Die ersten Ausgaben sind 24 Seiten dünn. Heute sind 56 Seiten die Regel. 8 Seiten davon umfasst die „Strawanzerin“ – der einzige österreichische Veranstaltungsteil, der die Events danach gliedert, wie teuer sie sind. Im April 2000 verabschiedet sich der Augustin auf Anregung der VerkäuferInnen vom Monatsrhythmus. Die neue halbmonatliche Erscheinungsweise gilt in der Medienlandschaft als verrückt und ist unter den LeserInnen unpopulär, warnen RatgeberInnen ungefragt. Die Warnungen erweisen sich als unbegründet. So sehr, dass wir bald ein Schäuferl zulegen und zum echten 14-Tages-Rhythmus vorwärts schreiten. Der Vorteil: Nun gibt es einen fixen Erscheinungstag. Jeden zweiten Mittwoch, leicht zu merken, wird die neue Ausgabe – von der Druckerei Herold angeliefert – druckfeucht in den Markt katapultiert. Natürlich werden in 14 Tagen nicht so viele Exemplare verkauft als zuletzt in der Monatszeitungsphase. Wer aber glaubt, dass in 14 Tagen nur die Hälfte des damaligen besten Monatsverkaufserfolgs einzunehmen sei, irrt sich. In den besten Monaten wurden früher 60.000 verkauft, heute können bis zu 80.000 (Addition zweier 14-Tages-Ausgaben) möglich sein. Die Phase des dynamischen Wachstums der Verkaufszahlen ist aber Geschichte. Wir freuen uns über die Stabilität auf hohem Niveau.

Bankraub

Zu Wiens größter Bankräuberin erklärte der Augustin im Juni 1998 die damalige SPÖ-Finanzstadträtin (heute Siemens-Managerin) Brigitte Ederer. Am Beispiel der Neugestaltung des U- und S-Bahnhofbereichs Spittelau beklagte der Augustin den Sitzbankschwund in Wien. Die sozialdemokratische Politikerin, die in ihrem früheren Leben revolutionäre Jungsozialistin war, begründete diesen Mut zur Unbequemisierung des öffentlichen Raumes - unverholen wie zuvor keiner ihrer RathauskollegInnen - mit dem Argument, man vermeide damit das Risiko, dass die Bänke „von einigen Wenigen zur Gänze okkupiert werden“, sprich: von Obdachlosen. AugustinverkäuferInnen reagierten adäquat. Sie verübten ihrerseits einen „Bankraub“, indem sie eine irgendwo aufgetriebene Parkbank demonstrativ – vor den Kameras vieler Medienleute – in die Mitte der Spittelauer Passage platzierten und es sich auf ihr gut gehen ließen. Die Aktion war der Beginn einer Serie von aktivistischen Interventionen, mit denen der Augustin auf die „soziale Säuberung“ des öffentlichen Raumes aufmerksam macht. Die Serie kann nur zu Ende gehen, wenn keine Macht der Welt mehr bestimmen kann, wer auf öffentlichen Plätzen unerwünscht und wer erwünscht ist.

Carla Müller

Der Linolschnitt: junge Hochdrucktechnik, „Abfallprodukt“ des 1860 von Frederic Walton in England erfundenen Bodenbelages. Carla Müllers Linolschnitt-Illustrationen gehören zu den Markenzeichen des Augustin-Designs. Neben den Coverseiten der Beilage „StrawanzerIn“ illustriert sie Ausgabe für Ausgabe einen der literarischen Texte. Und das funktioniert so: Die Redaktion mailt ihr einen Schreibwerkstatt-Text. Bereits während des Lesens entstehen in ihrem Kopf dazu Bilder bzw. Bildelemente, die sie gleichzeitig mit dem Bleistift skizziert. Von mehreren Entwürfen wird sodann sondiert, welcher Bildinhalt am besten den Text charakterisiert, danach feiner ausgearbeitet, geschnitten und zum Druck vorbereitet. Die Ergebnisse sind oft kühne Assoziationen, Parallelgeschichten in Bildern, Gedankenspiele. Für den Druck verwendet sie keine Maschine, auch kein sonst übliches Falzbein sondern einen Löffel: „Damit bin ich von Druckereien unabhängig und kann an jedem Ort arbeiten, denn einen Löffel gibt es überall …“

Diagnosen, psychiatrische

Gegeninformationen über Neuroleptika, Antidepressiva, Tranquilizer und Elektroschocks, über die Fragwürdigkeit des Begriffs der „psychischen Krankheit“, über die politische Funktion der Psychiatrie ... auch das ist Augustin. Die Medizinalisierung abweichenden Verhaltens wird als Irrweg betrachtet. Sie erlaubt die Ausübung von Zwang und Gewalt und „rechtfertigt“ den immensen Einsatz der Psychopharmaka, deren Nutzen keineswegs erwiesen ist. Es gibt Menschen, die mit ihrem Verhalten anstoßen und stören, Menschen, die leiden, halluzinieren und verwirrt sind. Einige brauchen Hilfe. Doch diese Menschen sind nicht „krank“; sie sind vielmehr Opfer von Lebensumständen, die den „Gesunden“ in der entsprechenden Härte erspart blieben. Viele dieser Menschen landen beim Augustin, wo sie niemand nach psychiatrischen Diagnosen fragt, wenn sie in die Kolportage einsteigen. „AussteigerInnen“ aus der konservativen Psychiatrie wie Marc Rufer, die gegen die Stigmatisierung der „Irren“ kämpfen, findet der Augustin anregender als die „ExpertInnen“ der offiziellen Psychiatrie.

Emeka, Jones

Fußball ist gut für die Gesundheit, sagte Jones Emeka im Interview mit Augustin TV. Der Satz ist wie ein Happen, der einem im Hals stecken bleibt. Denn Jones, der Augustinverkäufer aus Nigeria, starb am 3. Mai 2007, wenige Monate nach dem Interview, an Herzversagen während des Fußballmatches Schwarz-Weiß Augustin gegen die Nationalmannschaft der österreichischen Literaten. Das Interview erfolgte in deutscher Sprache. Menschen wie Jones blamieren unsere xenophoben Zeitgenossen, die – auch wenn sie selber bestenfalls in ihrer Umgangssprache zuhause sind – nach Zwangsdeutschkursen für die pauschal als anpassungsunwillig Denunzierten schreien, und diese dennoch nicht willkommen heißen, auch wenn sie noch so rasch deutsch lernten. Jones Emeka jedenfalls konnte sich in den drei nigerianischen Hauptsprachen, auf englisch, auf deutsch, auf russisch und auf türkisch unterhalten;y für small talks kamen auch ein paar weitere Sprachen in Frage. Selbst dIe SozialarbeiterInnen im Augustin-Vertriebsbüro ahnten nichts von Jones beleidigtem Herz. Zu lebendig, zu gegenwärtig trat Jones Emeka in Erscheinung. Die Kundinnen und Kunden des Augustin erlebten ihn oft singend, tanzend und rappend am Verkaufsplatz am Karlsplatz/Künstlerhaus. Emeka ist zur Augustin-Legende geworden. Emeka steht für eine Begegnung, die das Gesicht des Augustin-Projekts änderte: für die Entdeckung der „Option Augustin“ im Überlebenskampf illegalisierter afrikanischer Flüchtlinge.

Fenster

So gern sich der Augustin der Metapher „Fensterrahmen“ bedient, so wenig wird sie allgemein verstanden: Was, ihr stellt Fensterrahmen her? Ein Erklärungsversuch: Ziel des Augustin als Sozialprojekt ist auch, Berührungspunkte zwischen sozialen Milieus zu schaffen, die ansonsten wie durch eine “chinesische Mauer" getrennt sind und im Zuge der neoliberalen Entwicklung weiter auseinander zu driften drohen. Der Augustin bietet sich und seine Sub-Projekte als “Fenster" an, das den Menschen hüben wie drüben den Einblick in die jeweils andere Welt gewährt: der Zivilgesellschaft in die Welt der Marginalisierten, den Outsidern in die Welt der Insider. Nur zwei Beispiele: Die MitgliederInnen des „Stimmgewitters“ haben den Musikbetrieb kennen gelernt, in den sie ohne Augustin nicht einmal schnuppern hätten können; die Wiener Mehrheitsbevölkerung kann durch Artikel und durch persönliche Kontakte mit VerkäuferInnen die Realität der Straße wahrnehmen.

Freie Fahrt

Tag für Tag werden verarmte, asylsuchende, obdachlose Menschen wegen Schwarzfahrens in Polizeihaft genommen. Die Wiener Linien verlangen 70 Euro Mehrgebühr fürs Schwarzfahren, nach drei Tagen sogar 138 Euro. Pro Jahr werden 20.000 bis 30.000 Mahnklagen eingebracht – viele gegen Menschen, von denen nichts zu holen ist. Welche Kosten verursachen sie durch diese absurde Beschäftigungstherapie für Gerichte? Zusätzlich zeigen sie Schwarzfahrer an und es gibt eine Doppelbestrafung mit zusätzlich 35 Euro Polizeistrafe oder 30 Stunden Haft. Diese Praxis ist menschenrechtswidrig. In der Regel sitzen die Betroffenen die Polizeistrafe ab (was dem Staat übrigens ca. 100 Euro pro Person und Hafttag kostet). Die Wiener-Linien-Strafen sind damit nicht getilgt, sie summieren sich bis zu Schuldenbergen, vor denen jede Motivation, wieder in ein Erwerbsleben einzusteigen, erlischt. Seit Jahren fordert der Augustin den Nulltarif für Obdachlose, SozialhilfeempfängerInnen und Flüchtlinge (derzeit wird diesen Gruppen nicht einmal die für PensionistInnen eingeführten Ermäßigungen gewährt) – und er unterstreicht diese Forderungen gelegentlich durch kollektive, demonstrative „Freifahrten“ im Wiener Liniennetz.

Freitag der Dreizehnte (F13)

An dem vom Augustin initiierten F13-Netzwerk lassen sich unterschiedliche Gruppen aus dem sozialen und künstlerischen Bereich was einfallen, um die mythischen "Unglückstage" in Tage der subversiven Straßenkunst beziehungsweise in Feiertage „für alle, die sonst nix zu feiern haben“ zu verwandeln. Durch die F13-Aktionstage, die in eine Art neuen urbanen "Volksbrauchs" münden könnten, soll die Bevölkerung für die Probleme aller sozialer Gruppen und Minderheiten, die Ausgrenzung und Stigmatisierung erfahren, sensibilisiert werden.

Fußball

Die Geschichte von Schwarz-Weiß Augustin, dem aus Österreichern und Afrikanern zusammengewürfelten Fußballteam, ist auch eine Erfolgsstory. Kriterien des Erfolgs sind weniger die Anzahl der Pokale, vielmehr das Niveau des Respekts innerhalb der Multikultitruppe. Schwarz-Weiß Augustin ist das erste „Projekt im Projekt“, wo es gelingt, Ressentiments gegen „die Anderen“ sinnlich und praktisch ad absurdum zu führen. Goal ist Goal. Coach Uwe Mauch sieht sich sozusagen als doppelter Integrator: „Es gilt, nicht aus Schwarz und Weiß, sondern auch aus Häuptlingen und Indianern eine Einheit zu bilden.“ Trainiert wird jeden Montag, 20 Uhr, am Slovan HAC Platz.

Günther vom Südtirolerplatz

Anständige Bürger sammelten Unterschriften: „Viktualienmarkt statt Obdachlosenszene“ hieß ihr Slogan. Es ging um Günthers „Revier“, dem Südtirolerplatz. Dass das Augustin-Urgestein all die Jahre nicht von seinem Stammplatz vertrieben wurde, ist einer der kleinen Siege der Gerechtigkeit. Allerdings verfügt der Clochard, der unter dem Namen Südtirolerplatz Günther bekannt ist, eine unbesiegbare Waffe: seinen Charme. Im Augustin veröffentlichte er gelegentlich Ausschnitte aus seiner Vagantenbiographie, etwa über die Seefahrerzeit oder über sein Leben auf Kreta, wo er als Patron aller obdachlosen Hunde ein regionales Faktotum wurde. Die Sensation dieser Reihe war der Artikel „Wie ich beschloss, Polizist zu werden“. Da staunte selbst die Augustin-Redaktion: Südtirolerplatz-Günther, einer der berühmtesten Sandler von Wien, hatte in den 70er Jahren die Polizeischule absolviert. Ein Clochard, der einmal Kieberer war. Ein Aufstieg? Ein Abstieg?

Gottfried

Das Tagebuch eines Augustinverkäufers, die älteste ständige Rubrik der Wiener Straßenzeitung, ist Gottfrieds Tagebuch. Manchmal freut er sich über die Siege der Fußballmannschaft, deren Ersatztormann er ist. Manchmal ärgert er sich über die Intoleranz der Mitmenschen, über „die Politiker“ und über die Amerikanisierung der Welt. Oft gleich im Anschluss an ein globales Thema beweist er seine Liebe und Aufmerksamkeit für das Niedere und Unbedeutende (bekanntlich ein Kriterium dafür, ob man lebt oder schon „lebendig tot“ ist). Eintragung vom 5. 2. 2004: „Seltsames passierte meinem Kollegen Harry, der nach längerer Obdachlosigkeit nun schon seit einiger Zeit einen offiziellen Wohnsitz hat. Es begab sich, dass eine innenarchitektonische Veränderung angesagt war. Nach vollendetem Umbau kam es des Nachts, wie es kommen musste. Die Blase verlangte eine sofortige dringende Entleerung. Schlaftrunken wollte sich Harry Richtung WC begeben, doch irgendjemand schien die Wand woanders hingestellt zu haben. Der Patient hat außer einer Narbe auf der Nase übrigens keine weiteren Folgeschäden erlitten.“

Gustl & Co.

Am Anfang war der Gustl - der Held in Thomas Kriebaums Comicstrip. Heute ist Kriebaum einer von mehreren ZeichnerInnen, die regelmäßig für Wiens Straßenzeitung produktiv sind. Die Verschiedenartigkeit ihrer zeichnerischen und philosophischen Ansätze ist evident, sie entspricht dem Pluralismus der Sprachen, in denen der Augustin mit der Stadt kommuniziert. Vielleicht nimmt Cartoon-Gustl insofern eine zentrale Stellung ein, weil er am adäquatesten das (ursprüngliche) Image der Zeitung ausdrückt, eine Stimme des ganz und gar undemütigen Sandlertums, das trotz der ausweglosen Lage den legendären Wiener Schmäh nicht verloren hat, zu sein. Schmäh ist z.B. das, was zwischen Gustl und dem Wirt Kurti, bei dem er Stammgast ist, funkt. Aufwachn, Gustl, Sperrstund! redet der Wirt auf den Sandler ein, der auf der Theke eingeschlafen ist. Keine Brutalität liegt in dieser Botschaft, denn der Kunde ist hier trotz seiner Faxen gern gesehen. Gustl ist trotzdem heftig aus dem Schlaf gerissen, doch schon im Moment der Konsternation ist er ganz bei sich: “Ein Schreckachterl aufs Haus!“ bestellt er, noch vor Schock zitternd. Schade, das wir nicht wissen, wie Kurti darauf reagiert, leider ist ein viertes Bild im Strip nicht vorgesehen.

Grundeinkommen

„Solange über´s Grundeinkommen schreiben, bis es kommt“ ist eine Devise des Augustin. Der Begriff Grundeinkommen („bedingungslos“ oder “arbeitsunabhängig", wie beizufügen wäre) ist in der politischen Diskussion für die Vertreter der Leistungsgesellschaft ein rotes Tuch und wird dann meist zur “linkslinken" Forderung gestempelt. Dies scheint seltsam, wenn man an die Herkunft des Begriffes aus der katholischen Soziallehre denkt. Tatsächlich besteht aber zwischen dem christlichen und dem marxistischen Ideal – dass jeder Mensch Unterhaltsmittel nach seinen Bedürfnissen erhalten solle – nicht viel Unterschied. Das Grundeinkommen für alle muss kommen: Erstens kann sich Österreich als eines der reichsten Länder des Planeten das leisten, zweitens ist inzwischen Allgemeinwissen, dass das vorhandene Gesellschaft- und Wirtschaftsystem nur für einen (immer kleiner werdenden) Teil der Bevölkerung die Existenzsicherung via Erwerbsarbeit vorsieht.

Hari Harmlos

Als Ausrutscher eines angesehenen Baumeisters aus Trofaiach mit der Kellnerin des Stammbeisls wurde Hari vor 51 Jahren in die Welt gedrückt. In den gutbürgerlichen Verhältnissen des Vaters fand sich für den „unrühmlichen Bastard“ kein Platz. Bereits als Einjähriger kam Hari zu Pflegeeltern. Dem nicht genug, galt er zusätzlich noch als staatenlos. Ein Status, der sich von der Mutter aufs Kind übertrug. Die Mutter, Luftwaffenhelferin im II. Weltkrieg, war nämlich mangels Papieren „staatenlos“ aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden. Bis zuletzt galt Harald Maier, der Ursteirer, als Fremder im eigenen Land. Die einzige Legitimation: sein in braun gehaltener „Alien’s Passport“. Als Teil des „Stimmgewitter Augustin“ entsprach er selbstinszenatorisch dem Bastard-Bild. Als ebenso unvergesslich wie unerreicht gilt heute noch Haris Solonummer, die Wolf-Biermann-Interpretation von „Che Guevara“. Augustinverkäufer Hari Harmlos starb im April 2005.

Heidi

In der Radiowerkstatt, in der Schreibwerkstatt, im Stimmgewitter, in Hubsi Kramars Theater- und Filmprojekten: Heidi Gross ist Trara und Gehabe, ist Augenweide und Gepränge, ist die verkörperte Ironie des Pathos, ist Zirkus und Kitsch, wird jedoch zwischendurch melancholisch, wenn sie über ihr hartes Leben erzählt. Als Radioköchin kommt sie in ihren Sendungen plaudernd vom Hundertsten ins Tausendste, sodass man am Schluss als HörerIn oft vergessen hat, um welches Gericht es diesmal eigentlich ging. Ihrem Tick, ihr Sprechen mit Brocken von Englisch zu verfremden, verdanken wir dem Titel des ersten Kramar-Films der Serie „Obdachlose machen Urlaub“. Er zeigt Heidi und Co. auf Istrien und heißt „Wonderful“.

Hömal

Noch einer von der Urgesteins-Fraktion. Eine der tragenden Stimmen im Chor, einer der regelmäßigen Schreibwerkstatt-Autoren. Als solcher lieferte er unter dem Titel „Versuch einer Definition“ eine der verblüffendsten Erklärungen zum Begriff Obdachlosigkeit, die je im Augustin zu lesen waren: „Unter Obdachlosen im klassischen Sinne verstehen wir Menschen, die tagsüber auf der Straße herumlungern und nachts Unterschlupf in einer Bahnstation, einem Abbruchhaus oder Sonstigem finden, solange es halt Beamten und Gewalttätigen gefällt. Viel größer ist allerdings die Zahl derer, welche in einem Asyl ein Bett und Schutz vor der Härte draußen gefunden haben, allerdings um den hohen Preis, mit schwierigen und unverträglichen Menschen zusammenleben zu müssen. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe acht lange Jahre in einem Männerheim gelitten.“ Obdachlos sei auch eine(r), der oder die zwar ein Dach überm Kopf habe, aber mit Menschen ohne Liebe zusammenlebe. Man könne auch mitten in der eigenen Familie obdachlos sein.

Integration

Mit dem formellen Vereinszweck "Integration Obdachloser" wird das Ziel des Augustin nur unzureichend umrissen. Ganz falsch liegt man, wenn Integration mit Eingliederung in den "regulären" Arbeitsmarkt übersetzt wird. Das Erfolgskriterium des Augustin ist nicht, wie viele „KlientInnen“ in diesen Markt vermittelt werden konnten. Der „reguläre“ Arbeitsmarkt setzt pausenlos Menschen frei, die leistungswillig und fit sind. Es wäre also sinnlos, ausgerechnet körperlich ruinierte oder psychisch krisenanfällige und diversen Süchten unterliegende Menschen zu motivieren, sich der „Wirtschaft“ oder der „Leistungsgesellschaft“ anzupassen. Ziel ist vielmehr, bisher Ohnmächtige zu ermächtigen, in Hinkunft eigene, selbst gewählte Wege zu gehen und dabei so wenig wie möglich auf Hilfen Dritter angewiesen zu sein. Für viele VerkäuferInnen hat der Augustin eine Befreiung von den Zwängen der Straße gebracht. Sie leben nun in Pensionen Übergangswohnheimen oder in richtigen Wohnungen.

Justiz

Dass der Strafvollzug in den österreichischen Justizanstalten humanisiert werden soll, ist in vielen Blättern zu lesen (vor allem wenn wieder ein spektakulärer Tod in der Zelle bekannt wird). Nur im Augustin wird ausdauernd das Prinzip des staatlichen Strafens in Frage gestellt. Und zwar grundsätzlich. Während die Utopie einer gefängnislosen Gesellschaft rundherum kein Gesprächsthema mehr ist, sind AugustinleserInnen Manifeste wie folgendes längst vertraut: „Das Gefängnis ist eine abzuschaffende Institution. Der Zivilisationsgrad einer Gesellschaftskonstruktion ist abzulesen daran, wie barbarisch oder human sie mit jenen Menschen umgeht, die Probleme oder Konflikte zu verursachen scheinen. Wer – via Häfn – Menschen lebenslang wegsteckt, ist zumindest inhuman. Missbrauchte, marginalisierte, diskriminierte Menschen durch Haft doppelt zu bestrafen, ist perfide und obszön.“ Die Gefängnisse spielen zunehmend die Rolle von Armenasylen: Wer weder Asylwerber, Migrant, Langzeitarbeitsloser oder Drogenkranker ist, sondern wohlhabend und arriviert, hat wenig Grund, eine Strafhaft zu befürchten.

Kratky

Der Mann mit dem unauffälligen Vornamen („Hans“) zählt zu den im positiven Sinn auffallendsten Originalen der Urgestein-Generation und wird deshalb respektvoll „der Kratky“ genannt. Nach zwölfjähriger Selbständigkeit als Altwarenentrümpler hoffnungslos verschuldet, schloss er sich der Gruppe um die renitente Arbeitslosenzeitung „hock´nstad“ an, die an inneren Widersprüchen krepierte und so zum unfreiwilligen Zeugnis des erbärmlichen Zustands der Wiener Joblosenbewegung wurde. 1996 stieß er zum Augustin, in dessen früherem Vertriebsbüro er mit der Meta-Korrektheit der Alten Schule die Kaffeekassa verwaltete. Mathematisches Paradoxon: „Stimmgewitter Augustin“ wäre ohne den Kratky, der nominell zehn Prozent des Chors darstellt, eine halbe Sache.

Luvi

„Schriftstück benötigt? Schreiber gesucht? Wortjongleur verwandelt virtuos Buchstaben zu Wörtern und diese zu Texten. Biographien, Lebensläufe, Anfragen und Beschwerdebriefe, Drehbücher, Liedertexte etc., möglich ist vieles – auch Werbung! Anfragen unter LuviLive 0 650 982 95 37 ...“ Luvi hat als einziger das Privileg, dieses Inserat mehrmals im Kleinanzeigenteil des Augustin zu schalten. Das Privileg ist Teil seines Honorars: Luvi verwandelt Texte an die Redaktion, darunter eben auch die Kleinanzeigen, ins Digitale. Die Talente, die er in seiner Werbung in eigener Sache anführt, sind überprüfbar. Drehbücher? Das SF-Hörspiel „Die ganz besondere Puppenstube“, das der Pionier der Augustin-Schreibwerkstatt für Radio Augustin verfasste, kann auf CD bestellt werden. Warum Luvi, der rechtens Reinhard heißt, seine – meist autobiografischen, meist Suchterfahrungen reflektierenden – Eigentexte oft unter dem Pseudonym „der Raucher“ publiziert, ist im Augustin nachzulesen.

Max

Die ursprünglich burgenlandisierende, heute wienernde Alternativzeitung Uhudla ist quasi die Mutter des Augustin. Obdachlose vertrieben und schrieben für den Uhudla, der als Testlabor für den späteren Augustin zur Verfügung stand. Alle Welt assoziiert Uhudla mit Max Wachter. Als One-Man-Show im Wiener Verlagswesen – der Kleinverlag Uhudla Edition spezialisiert sich auf Randständiges - kreierte Max das Antischundheft. Das “Drei-Euro-Heftl" wurde in Dichterkreisen als größte literarische Innovation seit der Erfindung der Jerry Cotton- und Silvia-Romane gefeiert. Warum drei Euro? Der Preis orientiert sich am Bierpreis des Schweizerhauses. Max Wachter: “Die Heftln sind beim Kosten-Nutzen-Faktor einfach unschlagbar. Geübte BiertrinkerInnen schaffen in einer Stunde höchstens ein Krügel, das Drei-Euro-Heftl dagegen bietet drei Stunden gute Unterhaltung! Sollte der Bierpreis auf 3,60 Euro steigen, wird aus dem Drei-Euro-Heftl eben ein Vier-Euro-Heftl – so viel muss dem mündigen Heftl-Leser der Genuss schon wert sein.“

Museum für den Augustin

Im Jahr 1998 kreierte Kunstvermittler und –wissenschaftler Dieter Schrage das Projekt „Museum für den Augustin“. Im achten Jahr ist der regelmäßige Monatstermin beliebt wie zu Beginn: Schrage führt gratis durch Sammlungen moderner Kunst und schafft es dabei, die Schwelle, die sozial abgedrängten Menschen den Weg zur Kunst erschwert, abzubauen. April 1998, Mumok im Museumsquartier. Die Einstandsführung. Vor einer Arnulf Rainer-Übermalung steigt das Emotionalitätsniveau von Minute zu Minute. Rainer führt uns und den Kunstmarkt am Schmäh, so die Position eines lautstarken Teils der BesucherInnengruppe. Ihre „Gegner“ werfen die Frage auf, ob Destruktivität zuweilen nicht auch konstruktiv sei. Für Rainer und die jungen Künstler der 50er Jahre, interveniert Schrage sanft, stand fest, dass man sich von der Kunst der Väter, die für sie identisch mit Kunst der Nazizeit war, abzugrenzen hatte. Aus dieser Sicht ist die Provokation der Übermalung stimmig und nachvollziehbar... Die große Bedeutung zu leugnen, die Rainer in der österreichischen Kunstwelt genießt, sei ebenso absurd, wie abzustreiten, dass Krankl eine der bedeutendsten Figuren der österreichischen Fußballwelt sei.

Niederschwelligkeit

Aus der Sicht der VerkäuferInnen ist Augustin eine "prima Firma". In die Sozialarbeitersprache übersetzt: Augustin ist eines der niederschwelligsten Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekte in Österreich. Betroffene können voraussetzungslos in das Augustin-Abenteuer einsteigen und bestimmen Intensität und Ort ihrer Verkaufstätigkeit selbst. Sie erhalten einen VerkäuferInnen-Ausweis, werden auf die bestehenden Zusatzverdienst-Begrenzungen (im Fall eines Arbeitslosen-, Notstands- oder Sozialhilfebezugs) hingewiesen und verpflichten sich, während ihrer Arbeit nicht alkoholisiert zu sein. Seit der Augustin-Gründung suchten an die 3.000 Betroffene Kontakt zum Augustin.

Opferball

Im März 1998 wurde über die APA folgende Nachricht verbreitet: „Der von der Obdachlosenzeitung Augustin als Kontrastprogramm zum Opernball veranstaltete ‚Opferball’ in der Kunstakademie am Schillerplatz war der New York Times eine halbe Seite Berichterstattung wert. Über den Opernball, der ‚lyrische Walzer mit alternden Hollywood-Stars’ geboten habe, waren dagegen nur wenige Zeilen zu lesen.“ In einem ganzseitigen Bericht der malaysischen Zeitung SUN wird ein Augustin-Sprecher zitiert: „Up to now, the rich have exercised hegemony over the Vienna Carnival. We´re no longer going to let them do this. Carnival belongs to all the people.“ Sieben Gegen-Opernbälle des Augustin fanden statt. Durch die Zerstörung der Sofiensäle und ein Großveranstaltungsverbot in der Kunstakademie verlor der „Opferball“ die passendsten Locations. Die Tradition des Gegenballs wurde 2009 aber wieder aufgegriffen.

Parteilichkeit

Anstelle einer journalistischen Indifferenz gegenüber der sozialen Frage betont der Augustin deren Bedeutung (und Uneingelöstheit), anstelle eines journalistischen Objektivitätsanspruchs bekennt er sich zu einem parteilichen Journalismus. Die Sichtweise der von Marginalisierung und Ausgrenzung Betroffenen kann sich in der Zeitung auch dann widerspiegeln, wenn die Subjektivität des Beitrags evident und/oder wenn eine Verifizierung des Festgestellten durch Gegenrecherchen nicht möglich ist. Die Glaubwürdigkeit des Augustin ist ohnehin nicht im Nachahmen anderer Medien, sondern in dessen Authentizität begründet. Das heißt nicht, dass ein Straßenmensch uneingeschränkt schreiben darf, was er denkt, nur weil er Straßenmensch ist: Rassistische, sexistische, gewaltverherrlichende Haltungen sind ausgeschlossen.

Polizei

Wie in der Gesellschaft gibt es wohl auch in der Polizei einen gewissen Anteil guter, gerechter, unbestechlicher, kluger, menschlicher Menschen. AugustinverkäuferInnen berichten immer wieder auch von freundlich gesonnenen Uniformierten. Dass sich die Polizei im Allgemeinen von der Politik, den großen Medien oder der Geschäftswelt instrumentalisieren lässt, ist auch nachdenklichen Beamten unangenehm – etwa wenn sie Obdachlose bestrafen müssen, weil die Geschäftsleute einer „Einkaufstraße“ die verkörperte Negation des Konsumwahns vor ihren Shops als geschäftsschädigend empfinden. Polizisten aber, die die Idee der „sozialen Säuberung“ des öffentlichen Raums zu ihrer Fleißaufgabe machen, kommen im Augustin nicht gut weg. Wie z.B. jener Kollege, der dem Wiener Obdachlosen Joschi Cerny zeigte, was law and order ist: „Sie haben am 14.05.1997 in Wien 12, Füchselhofpark auf einer Parkbank und somit an einem außerhalb von Campingplätzen im Freien gelegenen öffentlichen Ort, in einem Schlafsack liegend geschlafen. Sie haben dadurch folgende Rechtsvorschriften verletzt: § 3 in Verbindung mit § 1Z1 der Verordnung des Magistrats der Stadt Wien betreffend das Verbot des Kampierens (Kampierverordnung). Wegen dieser Verwaltungsübertretung wird über Sie folgende Strafe verhängt: Geldstrafe von 500 Schilling...“ Nachher erfuhr eine Sozialarbeiterin von der Polizei: Hätte der Beamte Herrn Cerny nicht im Schlafsack, sondern mit einem Mantel bedeckt aufgefunden, hätte er ihn nicht bestrafen können. Denn das verbiete die Kampierverordnung nicht.

Politische Linie

Der Augustin schließt sich nicht nur keiner der politischen Parteien an, er misstraut vielmehr zunächst allen, die mit traditionellen politischen Mitteln auf dem politischen Feld agieren. Wenn er aber Forderungen an den Staat bzw. die Stadt richtet, und das geschieht gelegentlich, kann er auf die Sprache der Politik schwerlich verzichten, auch wenn er das gern täte. Darüber hinaus ermuntert er zu einem Engagement „außerhalb der Politik“ und im Schatten des Staates. Immer wieder thematisiert er die Abwesenheit sozialer Gerechtigkeit. Ohne weiters könnte er also der Linken im weitesten Sinn zugeordnet werden. Sein Ansatz ist aber ein extrem pluralistischer. Das bedeutet, dass keine Idee zum Dogma erhoben wird, dass karitative Praktiken und Lösungsvorschläge in der Zeitung ebenso Platz finden wie radikale Gesellschaftskritik. Jedenfalls will der Augustin einen Journalismus des erhobenen Zeigefingers vermeiden. Die Lieblingsforderung an den Staat: ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1.000 Euro monatlich für jede(n), ohne Arbeitszwang. Dann bräuchte niemand mehr den Augustin.

Quartiere

Zwei VerkäuferInnen, die über ein bestimmtes Thema reden, ergeben drei Meinungen. Auch beim Thema Obdachlosenquartiere. Aufgeschnappt im Augustin-Vertriebsbüro. „Der Winter kommt und die SandlerInnen erfrieren. Und die Wiener Linien sperren ihre leeren Säle im Untergrund von Wien nicht auf“, kritisiert A. „Da müsste ich ja mit euch gestörten Trotteln die Nächte in einem Raum verbringen! Ich bin ja nicht verrückt!“, ereifert sich B. An der „Gruft“, Wiens bekanntestem Notquartier, scheiden sich die Geister der Betroffenen am lautesten. Die einen fühlen sich hier aufgehoben, die anderen ziehen es selbst in kältesten Winternächten vor, im warmen Schlafsack auf der Straße zu übernachten (den Schlafsack bekommen sie in der „Gruft“). Die beliebtesten Obdachlosenhäuser sind diejenigen, die auf eine entwürdigende law and order-Hausordnung und auf Kontrolle verzichten und den BewohnerInnen eine Privatsphäre zugestehen, wie die Häuser der ARGE Wien oder die beiden Neunerhäuser.

Radio Augustin

Zuerst machten sie Radio am Stadtrand (Am Schöpfwerk), jetzt machen sie Radio am Gesellschaftsrand. Als die Radiojournalistinnen Christina Steinle und Aurelia Wusch vor sieben Jahren zu senden begannen, war das Konzept klar: „Radio Augustin versteht sich als Sprachrohr und Lobby für marginalisierte Menschen und als Informationsquelle für gesellschaftspolitisch Interessierte. Das Medium Radio ermöglicht ein Abstrahieren von äußeren Erscheinungsbildern, Stimmen und Worte können in neuen Zusammenhängen wahrgenommen werden. Dem Mainstream wird nicht entsprochen, der Kurzlebigkeit, Schnelligkeit und Oberflächlichkeit wird entgegengearbeitet.“ Woche für Woche wird diese Grundidee (jeden Montag und Freitag von 15 bis 16 Uhr auf der Frequenz von Radio Orange) realisiert. Aber wussten Sie, dass Radio Augustin darüber hinaus die beste Musik der Stadt bringt?

Schreibwerkstatt

Früher, als die Schreibwerkstatt noch von einem Redakteur geleitet wurde, versuchte dieser die TeilnehmerInnen zu motivieren, in ihren Texten mit Kritik gegen „die da oben“ nicht zu sparen. Erstens brauche eine Zeitung, die von niemandem subventioniert wird, nicht brav zu sein. Zweitens müsse radikale Gesellschaftskritik doch wohl die quasi natürliche Ausdrucksweise von Menschen sein, die voller Ausgrenzungserfahrungen sind und in Armut gehalten werden, wo ringsherum praller Reichtum blinkt. So argumentierte der Redakteur. Die Schreibwerkstattrunde nahm es kollektiv zur Kenntnis. Die Intervention der Leitung blieb ergebnislos. Die freie Wahl des Themas, ein Grundrecht der literarisierenden Augustin-Autoren, blieb unangetastet. Mittlerweile akzeptiert der Redakteur, dass auch Obdachlose über Sonnenuntergänge und Liebesangelegenheiten schreiben. 

Smoky

„Sandlerkönig von Wien“ war seine Selbstinszenierung, doch Ansehen im Milieu der Aussteiger und Ausgeschlossenen genoss er ohne Frage. Jedem war eine Auswahl der unendlichen Anekdoten Smokys geläufig. Während unsereins von Hieb zu Hieb zieht, ist Smoky von einer Ecke der Welt in die andere gezogen, bewunderte ein Augustinkollege das Original. Ich bin kein Stadtstreicher und auch kein Landstreicher, sondern ein Weltstreicher, hänselte der Sandlerkönig die Sesshaften unter den Nichtsesshaften. Nur seinem lädierten Körper und seiner Hassliebe zum Augustin war es zu verdanken, dass er sich in den letzten Jahren in Wien aufhielt. In seinen Texten pflegte er die Romantik der Vagabundage bis zu jener Grenze, wo ehrbare Leute schockiert die Zeitung zuschlagen und sich bekreuzigen müssen, etwa dort, wo Smoky über die überlieferte Vagantenregel dozierte. „Erwischt dich ein Kaufhausdetektiv, so ist die beste Gelegenheit, die Angst zu bekämpfen, gleich im nächsten Supermarkt wieder zuzuschlagen.“ lch habe einen Schwur geleistet, als ich die Bundeserziehungsanstalt für Schwererziehbare überlebt hatte, sagte Smoky. Erstens: Ich kehre nie mehr zurück ins Affenrennen (so nannte er die neoliberalistische Speed-Diktatur): Zweitens: besser in der Wildnis zu sterben, als ein Sklave zu sein. Smoky starb 1999 in einem linksradikalen Wiener Beisl, wo man ihn zuletzt übernachten ließ.

Stimmgewitter

Am Anfang stand die soziale Idee: Wiens erster Obdachlosengesangsverein, ein Rädchen der Empowerment-Maschine Augustin, rührte a capella die Herzen solidarischer Menschen. In Phase 2 rührte er immer noch, doch aus den "Opfern der Gesellschaft" war das Stimmgewitter Augustin geworden, das sich seiner selbst bewusst wurde, nicht mehr nach Mitleid heischte und aus dem Sozialen ins Kulturelle drängte. Diese Phase galt als die Punk-Periode des Stimmgewitters, das die falschen Töne nach dem Punk-Motto "Wir machen das, was wir nicht können" kultivierte. Aktueller Stand: Ein Hauch von Professionalität (die Disziplin der wöchentlichen Probe, die Aneignung eines in seiner Bandbreite überraschenden Repertoires) vermischt sich mit der Authentizität von Schicksalsgebeutelten zu einer Performance und Bühnenpräsenz, die es erneut unmöglich macht, den Chor mit irgendeinem anderen österreichischen Klangkörper zu vergleichen. Und längst ist keiner der SängerInnen mehr auf der Straße zuhause.

Strawinsky

Sein Hit war das Gedicht „In da Gruam“. Der Monolog eines Begrabenen. Makaber darin die Szene, wo die Freundin das Grab besucht: de stimm schrei i ma auße / obe se head mi net / jetzt zinds ma a Keazn au / do wiads glei gaunz woam obakuma / na nix do! / do dadns glei vo rundumadum / zsaumrukn / weu eana de Baana scheban / wia a Glubbnsackl / owa des is mei Keazn! In den letzten Jahren hat Augustin-Urgestein Strawinsky kaum mehr poetische Spuren hinterlassen, es sei denn, die Erotik eines genialen Spielzugs würde als Poesie des Fußballs in die Nähe der Kunst gerückt. Strawinsky trickste auch sein eigenes Alter aus, als er noch als aktiver Kicker zu den Erfolgen von „Schwarz-Weiß Augustin“ beitrug. Er gestaltet die Homepage der Augustin-Mannschaft.

Theatergruppe

11% K-Theater“. Enträtsle mich, schreit der Name. Das Harmoniebedürfnis im Augustin-Team war für die Namensfindung ausschlaggebend. Als es nämlich notwendig geworden war, dem jüngsten Kind der Augustin-Familie, der Theatergruppe, einen Begriff zu geben, lagen zwei konkurrierende Vorschläge am Tisch: „K. Theater“ und "11 % Reichweite". Der synthetische Kompromiss liefert zwei Informationen: Wir machen eine Zeitung, die von elf Prozent der erwachsenen WienerInnen gelesen wird (Medienanalyse IFES / Fessel GfK), und daneben machen wir auch Theater. Seit dem Spätsommer 2002 wird einmal in der Woche geprobt. Die methodischen Anregungen holt sich die Schauspieltruppe vom brasilianischen Theaterzampano Augusto Boal.

Unbegründetes Stehen

"Unbegründetes Stehenbleiben auf Gehsteigen" ist nach § 78 der Straßenverordnung strafbar. Leider kein Witz. Die kafkaeske Verordnung wird ausschließlich gegen soziale Randgruppen angewendet: Alkoholkranke, Drogensüchtige, Obdachlose. Wem gehört eigentlich die Mariahilferstraße? Zählt sie nicht mehr zum öffentlichen Raum? Die Polizei wird von Geschäftsleuten, Bezirkspolitikern - und auch von der Kronenzeitung - zunehmend unter Druck gesetzt, "unerwünschte" Personen zu verweisen. Dafür gibt es aber keine rechtsstaatlichen Handhaben. Einen "Ausweg" bietet eben der § 78 StVO. Das absurde "Delikt" Unbegründetes Stehenbleiben zieht absurd hohe Strafen nach sich, höher als die Falschpark-Strafen: 70 Euro - oder 70 Stunden Ersatzfreiheitsstrafe. Obdachlose wegen unbegründeten Stehens immer wieder tagelang (auf Kosten der SteuerzahlerInnen) in das Polizeigefängnis zu stecken, ist keine gute Lösung des Wohnungslosenproblems. Sondern ein Verstoß gegen die Menschenrechte.

Vertrieb

Wenn eine Nummer neu am Markt ist, ist im Vertriebsbüro in der Reinprechtsdorferstraße die Hölle los. Da kann es schon vorkommen, dass in den ersten beiden Erscheinungstagen ein Drittel der Gesamtauflage in den Besitz der KolporteurInnen übergeht. Die aber wollen nicht nur die Druckfrische, sondern auch „a Ansprach“. A will seinen neuesten Blondinenwitz los werden, B erzählt, dass er von einer pferdegroßen Spinne verfolgt werde, C blockiert schon eine halbe Stunde das Klo, D gibt naiverweise zu, dass er das Tritsch Tratsch (internes Mitteilungsblatt für VerkäuferInnen) um zwei Euro verkauft habe, E sucht nichts als eine Frau, eine Wohnung, einen Rechtsanwalt und einen Laptop, während eine hilfreiche Nachbarin einen Karton Bücher, eine andere hilfreiche Nachbarin gebrauchte Anzüge und ein Konditorlehrling 100 drei Tage alte Punschkrapfen im ohnehin von Menschen und Zeitungspaketen vollen Raum deponieren, während eine siebenköpfige slowakische Familie sofort und vollzählig zum Verkauf zugelassen werden will, und das alles vor den Augen und Ohren der Sozialarbeitscrew. Wen wundert´s, dass letztere solche Tage gerne zuhause mit dem „Tatort“ ausklingen lassen.

Waggonie

Die Waggonie wird vielleicht bald nur noch ein sozialhistorischer Begriff sein. Noch können Waggons von Personenzügen, die in peripheren Bereichen der Wiener Bahnhöfe abgestellt sind, vereinzelt als Nothotel benützt werden. Im Zuge der „Bahnhofsoffensive“ des ÖBB-Managements wird das alte Gewohnheitsrecht der Unbehausten, sich in den Bahnhöfen aufzuhalten, Stück für Stück außer Kraft gesetzt. Die Bahnhofshallen werden in Einkaufszentren verwandelt. Der Augustin, der das Recht auf den Bahnhof reklamiert, bemühte sich leider vergebens um den Verbleib der letzten bahnhofszentrierten Anlaufstelle für Hilfesuchende, dem Bahnhofsozialdienst am Westbahnhof.

X-Large

Der Schreiber dieser Zeilen bevorzugt diese Größe. Die F13-T-Shirts – mit der schwarzen Katze auf dem Quadrat – gibt es aber in allen gängigen Größen und Farben. Sie können um 12 Euro in den Augustin-Büros erworben werden. Sie kommen aus der Werkstatt von „fix & fertig“, einem sozialökonomischen Betrieb. Augustin macht Mode, Mode macht Sinn: Die mittlerweile 2000 TrägerInnen helfen gewollt oder ungewollt, eine Idee auszutragen. Und sie werben für den nächsten Fasching „von unten“. Für Freitag, den dreizehnten.

Ybbs

Das Städtchen der Donau taucht immer wieder in den Texten der Augustin-Schreiberlinge mit Alkoholerfahrung auf. Das Therapiezentrum Ybbs ist unter allen Trockenlegungsinstituten das beliebteste. Vielleicht liegt das Geheimnis seines Erfolges auch darin, das Ybbs-Patienten sich weit weg von den teuflischen Quellen der Hauptstadt, weit weg von animierenden Kumpanen erholen können. Am beliebtesten ist Ybbs als Asyl für die von AMS-Verfolgte, wie in folgendem Augustintext zu lesen war: „Zwar habe ich keine akuten Alkoholprobleme, aber verborgen lagern noch immer ungeheilte Zwangsgedanken, welche ein ärztliches Argument darstellen, dass ich einmal drei Monate weg von der Stadt sein darf. Es ist ein Geschenk des Himmels, dass mir gerade jetzt der Ybbs-Aufenthalt von der Krankenkassa genehmigt wurde, wo eine anonyme telefonische Verleumdung beim Arbeitsamt genügte, dass ich jeden Tag dort zum Rapport zu erscheinen habe, was demnächst zu einem Nervenzusammenbruch geführt hätte.“

Zähne

Oben einer, unten einer, ganz hinten ein paar Versprengte – im Großen und Ganzen fährt die Zahnbürste ins Leere. So sieht der dentale Status quo von vielen Straßenmenschen aus. Selbst wenn sie krankenversichert sind, trauen sie sich nicht zum Zahnarzt. In dieser Situation trat Dentistin Elisabeth Becker in Erscheinung. Sie schenkte ungezählten AugustinverkäuferInnen ein neues Lächeln. Sie wird weiter versuchen, eines Teufelskreislauf zu brechen: Straßenleben führt zu Zahnruinen. Zahnruinen missfallen Personalchefs und Wohnungsmaklern. Kein Job, keine Wohnung – Straßenleben...

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