Hier spielt die Internet-Form des Augustin einen Trumpf aus, der sie von den anderen Aggregatzuständen des Mediums – Print, Radio, TV – abhebt: Das Objekt wird Subjekt, der Empfänger wird Absender, die Userin wird Koproduzentin. Kurz: Hier wird´s interaktiv. Alle Texte, die Sie online lesen können, sind kommentierbar. Der oder die erste, der oder die schriftlich auf einen Text reagiert, eröffnet ein Forum rund um das Thema des anlassgebenden Artikels. Die Rubrik ALLGEMEINES FORUM nimmt allgemeine Anregungen, Kritik, Verbesserungsvorschläge und ermunternde Zurufe auf.
Lastenfahrräder waren lange Zeit nur noch bei der Post im großen Stile im Einsatz. Vereinzelt tauchten im Stadtbild noch Eisverkäufer oder Bäcker mit nicht motorisierten Transportvehikeln auf, doch es zeichnet sich eine Wende ab – das Fahrrad wird als Lastentransporter und Lastenschlepper wieder entdeckt.
Da er den geistreicheren Witz besaß, blieb Ambrose Bierce an Popularität stets hinter seinem Kollegen Mark Twain zurück. Mit seinem „Wörterbuch des Teufels“ schrieb er sich in die Liste der großen Aphoristiker der Literaturgeschichte ein. Doch auch als Vater der modernen Short-Story und Meister der unheimlichen Literatur lädt er zur Wiederentdeckung ein.
MitarbeiterInnen-Information der Fraktion sozialistischer Gewerkschaftler an die «freigesetzten» KollegInnen: Die Kampagne «Postler zur Polizei» ist eine große Chance! Nutzt sie! Nicht lange überlegen, ist die Devise, denn die «Schnellentscheider», so nennt die SP-Gewerkschaftsfraktion die Unnachdenklichen, erhalten eine Prämie von 10.000 Euro. «Die Mistelbacherprämie», ätzt ein Ex-Postler im Team der freien Augustin-MitarbeiterInnen völlig unkorrekt, politisch.
1939 begann das nationalsozialistisch verwaltete Wien mit dem Aufbau gigantischer Karteien im Rahmen der «Erbbiologischen Bestandsaufnahme». Neben Geisteskranken, Alkoholikern, allen Arten von «Asozialen» wurde die Kategorie der «Verwahrlosten» einschließlich aller lebenden Vorfahren und Nachkommen («Sippschaft») aufgenommen. In der Wiener Zentralkartei waren bis 1943 bereits 700.000 Personen erfasst, wie aus Materialien des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes hervorgeht. Diese Menschen wurden als zukünftige Opfer nationalsozialistischer Rassenpolitik ins Auge gefasst. Manche HistorikerInnen gehen davon aus, dass die Nazis eine Ausrottung der gesamten als «minderwertig» angesehenen Unterschichten der Gesellschaft planten.
Eine wahre Geschichte über Lubo. Lubo ist jung, sympathisch und hip. Er kann sämtliche englischen Rap-Texte zitieren, ohne ein Wort davon zu verstehen. Er hat freien Eintritt in alle Hip-Hop-Club Wiens – und er ist arbeitslos. Doch warum fällt es einem so eloquenten und frechen jungen Menschen so schwer, eine Arbeit zu finden? Lubo hat den Hauptschulabschluss nicht geschafft. Er kommt aus einer Roma-Großfamilie. Der Vater verabschiedete sich früh, die Mutter lebte immer traditionell, gebunden an Familie und Herd.
Noch wissen wir nicht, wer der neue Präsident der Vereinigten Staaten ist. Von einer bestimmten Warte aus betrachtet ist das auch ziemlich wurscht. Sowohl George Bush als auch Al Gore befürworten die Todesstrafe, weil sie eine abschreckende Wirkung habe. Während der letzten Fernsehdebatte zwischen beiden versuchte freilich der republikanische Bewerber den Eindruck zu zerstreuen, er sei stolz auf die wöchentlichen Hinrichtungen in Texas. Als Gouverneur müsse er allerdings harte Entscheidungen treffen. Wenig Hoffnung also für die Brieffreunde der Sabine Scheibel. Die junge Wienerin korrespondiert mit Betroffenen aus dem Todestrakt und will - als Internetaktivistin - ihren bescheidenen Beitrag im Kampf um die Ächtung der Todesstrafe leisten.
Grundeinkommen, Basislohn, bedarfsorientierte Grundsicherung, Sozialhilfereform; was verbirgt sich hinter diesen Begriffen? Grob gesagt vier Modelle:
Anlässlich der Selbstmorde bei der Telecom France und des Skandals um die Sammlung von ÖBB-Krankenstandsdaten weist der Soziologe Oskar Negt auf die Überforderung der Abeitnehmer hin, die zunehmend nach innen gedrückt wird. Negt tritt für den Ausbau des „sozialen Gemeinwesens“ ein, um zunehmender Bindungslosigkeit der Menschen im Arbeitsleben entgegenzutreten, denn derzeit profitieren die Rechtsextremen davon.
Als ihm die Filmkamera zu nahe kommt, klettert Masao Obata in sein Bett mit den dunkelroten Kunstleder-Stützkissen und nimmt sich einen riesigen gelben Teddybären auf den Schoß. „Rot ist die Farbe des Glücks, sie leuchtet lebendig. Sich rot anziehen ist gut, denn dann sehen einen die Leute besser“, tönt es hinter dem Schutzbären hervor. Obata malte heimlich ganze Nächte auf Rillenkartons der Anstaltsküche. Wegen Platzmangels beim Schlafen verbrannte das Personal die roten Bilder, die er im Bett hortete. Art-Brut-KünstlerInnen leben ihre Obsessionen aus, die schon Elias Canetti als „das Beste an sich“ bezeichnete. Rituale schaffen Geborgenheit. Takanori Herai wirkt glücklich und zufrieden mit seinen geheimnisvollen Tagebüchern in ihrer mysteriösen Mischung von Schrift und Zeichnung.
Armut macht keinen Urlaub. Die Sozialhilfereform schon. Seit Jahren. Vier Jahre wird das Projekt Mindestsicherung, im Kern eine Reform der Sozialhilfe, nun schon diskutiert. Jetzt präsentierte die Regierung in einem Sommerministerrat neue Einzelheiten. Das bereits ausverhandelte Paket wurde auf Druck des Finanzministers erneut aufgeschnürt. Und verschlechtert. Im Ministerratsprotokoll steht der kryptische Satz, dass in einer „Arbeitsgruppe“ die „veränderten konjunkturellen und budgetären Rahmenbedingungen zu bedenken seien“. Aha. Die Opfer der Krise sollen jetzt also noch einmal draufzahlen, während es für den Finanz- und Bankensektor mit den Milliarden Steuergeldern nicht schnell genug gehen konnte.
Wenn global die Wirtschaft kracht, kommen Zentralbanken und Regierungen als „Retter“. Wenn es auf der persönlichen Ebene angeblich nicht mehr weitergeht, dann kommt die Psychiatrie. Solidarische Ökonomie und Selbstorganisation bieten Möglichkeiten inner- und außerhalb des staatlichen Systems. Bericht von der 2. Österreichischen Psychiatrie-Betroffenen-Konferenz in Linz.
Das Zitat im Titel stammt von Heinrich Gross, dem Todesarzt der NS-Kindereuthanasieanstalt am Spiegelgrund. Es war die Antwort des 2005 verstorbenen Experten für unwertes Leben auf die Frage eines Kurier-Journalisten, ob ihm nicht aufgefallen sei, dass so viele Kinder unter seiner Betreuung an Lungenentzündung gestorben seien. Die Lungenentzündungs-Lüge war der Endpunkt einer Täuschungskette, an dessen Beginn die Schlechtmeldungen an die Eltern der gequälten Kinder standen. Eine Dokumentation hunderter Krankengeschichten, von Waltraud Häupl im mühsamer Arbeit recherchiert, lässt den Fakt, dass Gross bis 1997 der Star-Gerichtsgutachter Österreichs war, posthum doppelt abscheulich erscheinen.
Gegen die Augustiner Chorherren zieht sogar Gott den Kürzeren, sagt Gerd Teply. Der Charme der Resignation liegt in diesem Sager aus dem Mund des eben neu gewählten Obmanns des „Pächtervereins Langenzersdorf“, dem 600 der rund 1000 PächterInnen von Chorherren-Grund angehören. Ihre gemeinsame Wahrnehmung: Der Grundeigentümer, das Stift Klosterneuburg, streicht die letzten Reste klösterlicher Barmherzigkeit aus dem Konzept seiner Liegenschaftsverwaltung. Was JuristInnen – in Anbetracht der Reputation des Verpächters – nur hinter vorgehaltener Hand so bezeichnen, sprechen die Häuslbauer offen aus: Das Stift agiere wider alle Sitten.
In der letzten Ausgabe des Augustin (250) forderte ein AMS-Berater, unter dem Pseudonym „Gustav gAMS“, auf, alternative Konzepte zu den oft als „AMS-Zwangskurse“ bezeichneten Schulungen zu entwerfen. Darüber hinaus freue er sich auf einen regen Erfahrungsaustausch, ließ er die Augustin-LeserInnen wissen. Prompt erhielt die Augustin-Redaktion eine ausführliche und facettenreiche Replik einer Leserin:
Unser Land am Abgrund zum Staatsbankrott? "Nach Island und Irland ist Österreich wahrscheinlich mein dritter Kandidat in dieser Hinsicht", meinte Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman trocken. Die von der Koalitionsregierung beschlossene Ausfallshaftung für österreichische Banken von derzeit 100 Mrd. Euro könnte Krugmans Analyse Wirklichkeit werden lassen. Das aufgeregte Krugman-Bashing, das Finanzminister Pröll und weitere Typen unserer Eliten veranstalteten, und die sich steigernden Hetzkampagnen der Medien gegen jene Opfer der Krise Osteuropas, die auf Wiens Straßen um ihr Überleben kämpfen (siehe „Ostgesindel“-Gedicht der Krone, Seiten 38–39) ließen uns die Telefonnumer des Promedia-Verlags wählen. Dessen Leiter Hannes Hofbauer, er gilt als Osteuropaspezialist, stellte uns folgenden Beitrag zur Verfügung.
Viele Bilder aus österreichischen Gefängnissen gibt es nicht. Laufbilder schon gar nicht. Möchte man sich ein Bild vom sozialen Raum Gefängnis machen, ist man darauf angewiesen, Statistiken mit Spielfilmmelodramen und Sexploitationklischees zu multiplizieren. Die realen Orte, an denen die Justiz vollzogen wird, verbergen sich lieber vor allen Kameras (außer den eigenen Überwachungskameras). Vielleicht nicht so sehr, um die Gefangenen zu schützen oder Sicherheitsgeheimnisse zu bewahren, sondern weil ein Ort der unvorstellbaren Schrecken seine wichtigste Funktion – nämlich: als entsetzliche Drohung die Zukurzgekommenen davon abzuhalten, sich ihr Teil vom großen Brotlaib abzuschneiden – besser erfüllt als ein Ort der vorstellbaren Schrecken.
Gegen die Iden des März hat sich der Himmel zwischen Simmering und Sattledt bedrohlich verdunkelt – so viel Staub hat unsere Recherche über die vergifteten Lebensmittelabfälle beim Hofer aufgewirbelt. Im Folgenden ein Bericht, was nach der Augustin-Veröffentlichung über die gefährlichen „Obdachlosenfallen“ in Wien geschah.
Nachdem in den rund 200 Vorstandssitzungen, die es in der bald zwölfjährigen Geschichte des Augustin gegeben hat, noch nie das Wort Marketing gefallen ist, blieb uns nichts anderes über als zu googeln und zu wikipedeln, denn wir wollten ja wissen, worum es bei Marketing überhaupt geht – wenn wir nun schon einmal zu einem Marketing-Tag eingeladen sind. So begann der Beitrag der Augustin-Sprecherin beim 2. Österreichischen Marketing 2007.
Jeden Morgen zwischen 7 Uhr und 7.30 Uhr höre ich einen Reisigbesen über den Asphalt kratzen. Es ist der Straßenkehrer, ein junger Mann, der jeden Abfall, jedes Stückchen Papier penibel auf seine große Schaufel aus Pappkarton kippt. Noch habe ich Zeit, im Bett zu bleiben, denn das Frühstück wird mir nicht vor 8.30 Uhr serviert. Ich wohne bei Estrella und Lourdes in einer ehemaligen Kolonialvilla in Havanna.